Dein Lerntyp

"Der Unterricht sollte zum Lerntyp passen"

Rüdiger Grotjahn ist Professor am Seminar für Sprachlehrforschung der Ruhr-Universität Bochum, Mitglied im Sprachtest-Beirat und beantwortet hier Fragen zum Thema Lerntypen.

Was nützt es jemandem, wenn er weiß, dass er ein auditiver Lerntyp ist?

Lerntypen-Tests zeigen eine Präferenz an. „Auditiver Lerntyp“ heißt nicht, dass diese Person visuell nichts aufnehmen kann. Das kann sie sicher auch. Aber sie bevorzugt auditive Information. Lerntypen sind nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Aber wenn man weiß, welcher Lerntyp man ist, kann man sein eigenes Verhalten analysieren – und sich die Frage stellen: Passen diese Aufgaben, die ich da mache, zu meinem Lerntyp?

Und wenn sie nicht passen? Kann man Schwächen auch kompensieren?

Prinzipiell schon. Ein auditiver Lerntyp kann den Umgang mit visuellen Informationen trainieren. Aber manche Aspekte des Lerntyps sind nur sehr schwer veränderbar. Man kann sich das Konzept „Lerntyp“ als Modell einer Zwiebel vorstellen: Ganz im Zentrum liegen Eigenschaften, die sehr stabil sind, zum Beispiel Extraversion. Weiter außen liegen Faktoren, die leichter verändert werden können, zum Beispiel Unter­richts­präferenzen. Diese können verändert werden – aber man muss dabei vorsichtig sein.

Warum?

Weil sich Lerner dann am wohlsten fühlen, wenn der Lehrer im Unterricht Methoden verwendet, die zu ihrem Lernstil passen.

Was bedeutet das für die Praxis? In einem Sprachkurs sitzen doch meistens verschiedene Lerntypen.
Der Unterricht sollte für alle Lerntypen etwas anbieten. Im Sprachunterricht sollte der Lehrer zum Beispiel Vokabeln nicht nur vorlesen, sondern auch an die Tafel schreiben. Das macht es den Schülern leichter. Aber Lehrer unterrichten leider oft auf Basis ihrer eigenen Präferenzen. An den Universitäten oder auch in DaF-Kursen haben wir außerdem Lerner aus der ganzen Welt. Lernstile sind auch kulturell geprägt.

Zum Beispiel?

Lerner mit spanischer Muttersprache aus Südamerika sind häufig eher extrovertiert und bevorzugen kommunikative Unterrichtsformen. Japaner lernen dagegen meistens eher visuell-analytisch. Das im Unterricht zu integrieren, kann schwierig sein.

Was sind die Gründe für unterschiedliche Lerntypen?

Die Wahrnehmungspräferenz ist zu einem großen Teil neurologisch determiniert, das heißt, hier gibt es Unterschiede im Gehirn. Aber vieles beruht auch auf der eigenen Unterrichtserfahrung. Wer zum Beispiel als erste Fremdsprache Latein gelernt hat und dabei einen eher analytischen, wenig kommunikativen Unterricht gehabt hat, der wird wahrscheinlich auch später Fremdsprachen analytisch und grammatikorientiert lernen. Wenn ein Lehrer dann mit solchen Schülern einen kommunikativen Sprachunterricht machen will, hat er wahrscheinlich erst einmal Probleme.