02.08.2010
Neu im Blog auf sprachtest.de: ein Kurzinterview mit Prof. Dr. Rüdiger Grotjahn zum Thema Authentizität im Sprachtest.
Welche Rolle spielt die Authentizität der Inhalte bei einem Sprachtest?
Grotjahn: In Bezug auf die Authentizität muss man zwischen zwei Aspekten differenzieren: zum einen die Authentizität in Bezug auf die Inhalte und die Authentizität in Bezug auf die Aufgabenformate. Man muss sich die Frage stellen, ob es sich um Texte und Aufgabenformate handelt, die auch außerhalb der Testsituation vorkommen könnten.
Warum sollte man denn authentische Texte für Sprachtests benutzen?
Grotjahn: Für authentische Texte in Sprachtests spricht natürlich, wenn wir an die Inhalte denken, die potenziell positive Rückwirkung auf den Unterricht. Der sogenannte washback-Effekt eines Tests: Wenn man keine authentischen Texte nimmt, bedeutet das möglicherweise auch, dass bei der Vorbereitung auf einen Test im Unterricht auch keine authentischen Aufgaben genommen werden. Dann kommen die Lerner gar nicht oder zu spät mit authentischen Aufgabenformaten in Kontakt, was insbesondere für das Hörverstehen ein großes Problem darstellt.
Was wäre denn ein authentisches Aufgabenformat?
Grotjahn: Ein authentisches Aufgabenformat für Studenten wäre zum Beispiel, in einer Vorlesung Notizen anzufertigen. Das ist etwas, das jeder Student machen muss und das wäre bei einem Test für Studenten ein ganz gängiges und authentisches Aufgabenformat. Schwierig ist es, für Anfänger authentisches Material zu finden. Authentisches Material ist oft zu schwer und da kommt man meist nicht umhin, semi-authentische Texte zu nutzen, die für den Test bearbeitet worden sind. Da muss man natürlich darauf achten, dass diese Texte zum Beispiel von Muttersprachlern auch noch als authentisch empfunden werden. Dies ist auch nicht immer der Fall, wenn man sich Testtexte einmal genauer ansieht.
Was kann man sonst machen, um Authentizität zu gewährleisten?
Grotjahn: Alternativ kann man zu schwierigen authentischen Texten sehr leichte Items konstruieren. Da gerät man allerdings in ein gewisses Dilemma, wenn man sich am Referenzrahmen orientiert: Der GeR definiert die Schwierigkeit zum Beispiel von Leseverstehensaufgaben auch über die Komplexität und die Länge der Texte. Dementsprechend kommen auf höheren GeR-Stufen auch längere und komplexere Texte vor. Und wenn man jetzt einen komplexen und längeren Text hat und dazu eine ganz leichte Aufgabe konstruiert, dann kann es passieren, dass man den Text zum Beispiel auf B2 einstufen würde und eine Aufgabe hat, die man auf A1-Niveau lösen könnte. Dies kann z.B. der Fall sein, wenn man nach einer ganz spezifischen Information fragt, die wörtlich im Text vorkommt. Dann hat man in gewisser Weise einen Widerspruch zum Referenzrahmen und viele Praktiker wenden sich gegen solche Aufgaben.
Ist Authentizität für die Lerner denn immer wichtig?
Grotjahn: Wenn man einen – für die Teilnehmer – sehr wichtigen Sprachtest hat, wo die Kandidaten vielleicht 200 Euro bezahlen, um ein bestimmtes Zertifikat zu bekommen, dann spielt die Authentizität für die Teilnehmer nur eine ganz geringe Rolle. Die wollen den Test bestehen und die geben auch dann ihr Bestes, wenn die Testaufgaben vielleicht weniger authentisch sind. Ein negativer washback auf den Unterricht bleibt trotzdem bestehen, aber wir haben wahrscheinlich keine negative Auswirkung auf die Leistung, die in der Testsituation gezeigt wird.