Ein Test für Muttersprachler?

Einstufungstest für Muttersprachler?

„Meine Muttersprache ist Deutsch, aber ich bin laut Einstufungstest Deutsch nur B2 – wie kann das sein?“ Die Einstufungstests werden fleißig genutzt – das freut uns sehr! Einige Rückmeldungen haben wir von Nutzern bekommen, die in ihrer Muttersprache nicht die volle Punktzahl erreicht haben. Wir haben bei Dr. Wassilios Klein nachgefragt, der als Testentwickler bei telc die Tests mitentwickelt hat.

Muttersprachler haben die ideale sprachliche Kompetenz. Folglich erzielen sie bei Sprachtests für Fremdsprachler mit Leichtigkeit die volle Punktzahl. Richtig?

Klein: Nein, das ist in der Praxis meistens nicht so. Sprachtests fragen nämlich bestimmte Kombinationen von Fertigkeiten ab, die eher für Fremdsprachenlerner gedacht sind.

Zum Beispiel?

Klein: Ein Beispiel sind Lückentexte. Wenn Fremdsprachenlerner aufgefordert werden, Buchstaben bei unvollständigen Wörtern zu ergänzen, erfüllen sie diese Aufgabe wörtlich, bleiben meist auf der sicheren Seite und ergänzen auch nur einige Buchstaben. Genau das wird von ihnen erwartet. Muttersprachler können natürlich viel kreativer mit Texten umgehen, fühlen sich freier gegenüber der Aufgabenstellung und ergänzen vielleicht zusätzlich noch ein oder zwei Wörter. Das ergibt vielleicht sinnvolle Texte, kann aber natürlich in keinem Lösungsschlüssel hinterlegt werden und wird deshalb als Fehler gewertet.

Heißt das, dass man unbedingt den Aufbau und den Ablauf eines Sprachtests kennen muss, ehe man ihn erfolgreich bestehen kann?

Klein: Das kommt darauf an: Wer mit Sprachtests und Sprachlehrwerken gar nicht vertraut ist, muss zumindest damit rechnen, nicht die volle Punktzahl zu erreichen. Sogar Testprofis machen manchmal mehr Fehler, als sie erwarten.

Welche Arten von Fehlern sind denn typisch für Muttersprachler?

Klein: Es sind vor allem Aufmerksamkeits- und Flüchtigkeitsfehler. Als Muttersprachler oder Quasi-Muttersprachler denkt man ja, dass man einen Sprachtest schnell und ohne viel Konzentration bewältigen kann. Dann passiert es leicht, dass man etwas übersieht. Wenn man bei einem Online-Test nicht nur Multiple-Choice-Aufgaben anklicken, sondern selbst etwas schreiben muss, kommen natürlich leicht Tippfehler vor.

Sind Tippfehler denn so schlimm?

Klein: Als Muttersprachler neigt man dazu, Tippfehler nicht zu den „echten“ Fehlern im Sinne von Grammatik- oder Wortfehlern zu zählen. Man ist dann enttäuscht, wenn ein Tippfehler als sprachlicher Fehler gewertet wird. Fremdsprachenlerner sind aus dem Unterricht daran gewöhnt, jeden Schreibfehler korrigiert zu bekommen. Da sie wissen, dass es in Grammatik und Lexik manchmal auf jeden Buchstaben ankommt, achten sie eher auf jedes einzelne Zeichen und jeden Akzent.

Wie ist das bei sprachtest.de?

Klein: Bei den Einstufungstests auf sprachtest.de zählt jeder Tippfehler als Fehler. Deswegen kommt es manchmal vor, dass Muttersprachler nicht die volle Punktzahl bzw. das Niveau C1 erreichen, eben weil sie Flüchtigkeitsfehler machen. Übrigens sind die Einstufungstests auf sprachtest.de am besten für die mittleren GER-Niveaus geeignet: A2, B1 und B2. Für diese Niveaustufen zeigt er die höchste Messgenauigkeit.

Was kann ich als Nutzer machen, wenn mein Ergebnis nicht meinen Erwartungen entspricht?

Klein: Am besten ist es, sich von sprachtest.de am Ende des Tests die genaue Auswertung per E-Mail schicken zu lassen. Dann sieht man ja, was man falsch gemacht hat, und kann selbst einschätzen, ob die Fehler, die man gemacht hat, vermeidbare Flüchtigkeitsfehler sind oder nicht.